Hanf in der Medizin: CBD-Öl und andere Cannabinoide

Wenn es um Hanf in der Medizin und für die Gesundheit denkt, haben die meisten Menschen erst einmal den kiffenden Patienten mit Krebs im Endstadium im Kopf. Ganz verkehrt ist das Bild nicht, aber es zeigt eben doch nur einen Teil der Wahrheit. Erstens wird Hanf in der Medizin eher selten rauchend konsumiert und zweitens geht es gar nicht um Gras oder ähnliche Produkte der Pflanze, sondern um Auszüge aus den ätherischen Ölen. Medizinisch wirksam sind die sogenannte Cannabinoide. Eines davon ist CBD. Das Cannabinoid ist nicht psychoaktiv, hat also im Gegensatz zum bekannteren THC keine berauschende Wirkung.

Unterliegt nicht den rechtlichen Beschränkungen von Cannabis und THC

Cannabidiol, so eine andere Bezeichnung von CBD, ist neben Dronabinol, besser als THC bekannt und mit dem klingenden chemischen Namen Delta-9-Tetrahydrocannabinol bezeichnet, der bekannteste Wirkstoff der Hanfpflanze. Der Wirkstoff Cannabidiol ist im europäischen Marihuana kaum enthalten, hier dominiert THC. Traditionelles Haschisch dagegen enthält unter Umständen eine recht hohe Dosis davon. Der Wirkstoff hebt die psychoaktive Wirkung von THC teilweise auf und wird dementsprechend auch gegen THC-indizierte Psychosen medizinisch eingesetzt. Auch Schizophrenie wird bisweilen damit behandelt. Wer Cannabis zu Genusszwecken konsumiert, findet in CBDreichen Sorten risikoärmeren Genuss.

Forschung steht noch am Anfang

C21 H30 O2 lautet die chemische Formel hinter dem risikoarmen Wirkstoff der Hanfpflanze. Schon seit einigen Jahren beschäftigen sich zahlreiche Studien mit dem Wirkstoff, aber die meisten finden noch im Labor statt. Geforscht wird in erster Linie mit Zellkulturen und Tierexperimenten, Einzelfallbeschreibungen liegen ebenfalls vor. Gut studiert ist die antipsychotische Wirkung der Chemikalie. Noch nicht endgültig erforscht, aber bereits festgestellt sind entkrampfende, entzündungshemmende und angstlösende Wirkungen, das Cannabinoid wirkt außerdem gegen Übelkeit.

Einzelne präklinischen Studien konnten außerdem folgende Wirkungen feststellen:

  • antikonvulsiv
  • appetitanregend
  • blutzuckersenkend
  • antibakteriell
  • antiemetisch
  • das Wachstum von Tumorzellen reduzierend
  • gegen Arteriosklerose
  • gegen Schuppenflechte
  • das Knochenwachstum fördernd
  • entkrampfend für die Muskulatur inklusive Magen und Darm
  • immunmodulierend
  • neuroprotektiv

Viele Hinweise, wenige finale Studien

Die genannten Wirkungen beziehen sich alle auf Laborversuche mit Tieren, einzelnen Zellen oder auf Einzelfallstudien. Es gibt keine komplett bis zum Ende durchgeführte Studie, die CBD-Öl als Arznei bei ernsten Erkrankungen zur Zulassung gereichen würde. Daher werden Patienten und Patientinnen bei ihren behandelnden Ärzten auch immer noch nur auf relative Ratlosigkeit stoßen, wenn sie gezielt nach Medikamenten mit diesem Wirkstoff fragen. Das ist insbesondere in der Krebstherapie schon seit einigen Jahren der Fall. Der Bedarf an einem Medikament mit genau den Eigenschaften, die CBD-Öl hat, ist groß. Trotzdem ist zumindest in Deutschland noch kein Produkt auf dem Markt, das offiziell verschrieben werden kann.

Nebenwirkungen sind bekannt

So positiv die bisher genannten Forschungsergebnisse auch klingen: Frei von Nebenwirkungen ist ist das Cannabinoid nicht. In den durchgeführten Einzelfallstudien berichteten die Betroffenen von Benommenheit und Müdigkeit, es kam wiederholt zu unangenehm viel oder wenig Appetit und Gewichtsveränderungen in beide Richtungen. Durchfall wurde ebenfalls als Nebenwirkung ausgemacht. Dabei geht es wohlgemerkt um Studien mit erwachsenen Studienteilnehmern und -teilnehmerinnen. Für Kinder liegen keinerlei Informationen vor.

Obwohl die Nebenwirkungen bereits aus Einzelfallstudien und als Erfahrungswerte bekannt sind, fehlt doch noch die genaue Kenntnis über CBDhaltige Heilmittel. Wie genau der Wirkstoff vom Körper aufgenommen wird, welche Stoffwechselprozesse warum und wie genau beteiligt sind, das weiß man noch nicht. Man weiß grob, welche Rezeptoren die Chemikalie andocken lassen. Cannabidiol hat vermutlich eine Wirkung auf den spannugnsgesteuerten Ionenkanal VDAC1, der auf den Mitochondrien liegt. Über diese Kanäle wird Calcium in den Zellen transportiert, es geht also um die elektrische Signalgebung innerhalb der Zellen. Obwohl Phase-2-Studien hinsichtlich einer Wirksamkeit bei Schizophrenie, Epilepsie und anderen im Gange sind, fehlen doch noch viele wichtige Erkenntnisse.

CBDhaltige, ölige Lösungen in Apotheken erhältlich

Ist das Cannabinoid erst einmal aus der Pflanze extrahiert, lässt es sich in verschiedenen Alkoholverbindungen sowie in Ölen lösen. Es ist nicht wasserlöslich. Aus diesem Grund wird CBD meist als Öl angeboten. Der Wirkstoff kann aber auch in anderer Form vom Arzt verschrieben und in der Apotheke bezogen werden. Bislang dürfen die Krankenkassen die Kosten nicht übernehmen, es wird sich also immer um ein Privatrezept handeln. Allerdings kann im Rahmen einer Einzelfallprüfung in den meisten Fällen im Nachhinein ein Antrag auf Kostenübernahme gestellt werden, der auch oft genehmigt wird.

CBDhaltige Hanföle in den Bereichen Kosmetik und Lebensmittel

Es muss nicht immer unbedingt die Medizin vom Arzt sein. Viele pflanzliche Heilmittel sind in den Drogerien und Supermärkten, aber auch Apotheken und Reformhäusern frei verkäuflich. CBDhaltige Öle gehören dazu. Sie sind oft als Kosmetik, manchmal auch als Lebensmittel legal erhältlich. Der THC-Gehalt liegt bei weniger als 0,2 %. Diese Produkte haben zwar eventuell eine medizinische Wirkung, dürfen aber dennoch nicht als Arzneien oder Medikamente mit Wirkversprechen beworben werden. Man kennt das von anderen Produkten: Der Kamillentee tut zwar bei Halsweh gut, als heilsam bei einem entzündeten Hals darf er trotzdem nicht verkauft werden.

Wirksam bei ganz unterschiedlichen Erkrankungen?

Die verschiedenen medizinisch interessanten Wirkungen der CBDhaltigen Produkte wurden bereits oben erwähnt. Studien ergaben, dass der Wirkstoff nicht bei jedem gleich anschlägt. Es scheint, dass der Körper ganz individuell darauf reagiert. In den USA ist es bereits üblich, dass Kinder bei zwei bestimmten Formen von Epilepsie mit CBDhaltigen Arzneien behandelt werden. Während bei einigen Kinder extrem niedrige Dosen bereits hervorragend wirken, brauchen andere Kinder sehr, sehr hohe Dosierungen, und bei wieder anderen schlug die Therapie überhaupt nicht an. Der Körper nimmt den Wirkstoff in manchen Fällen offenbar einfach nicht an. Bislang ist unbekannt, woran das liegt und ob das Ergebnis in irgendeiner Art und Weise beeinflusst werden kann.

Daraus lässt sich aber schließen, dass es die eine wirksame Therapie mit fester Dosierung nicht geben kann. Wie bei anderen pflanzlichen Wirkstoffen auch muss eine individuell passende Dosierung gefunden werden.

Als kosmetisches Öl oder nahrungsergänzendes Mittel können CBDhaltige Öle bei ganz unterschiedlichen Beschwerden wirksam sein.

Migräne

Die Ursachen von Migräne sind immer noch unbekannt. Was die schweren Schmerzen und Störungen der Wahrnehmung auslöst, wird sich auch in nächster Zeit nicht abschießend klären lassen. Es scheint aber, als wären bestimmte Entzündungsprozesse im neuroyalen Bereich damit verbunden. Es deutet sich an, dass Menschen mit Neigung zu Migräne keine ausreichende Anzahl der sogenannten CB1-Rezeptoren im Gehirn aufweisen. Diese Rezeptoren werden beim Abbau von Anandamin benötigt. Das Cannabinoid hemmt Anandamin, so dass es bei Migräne Erleichterung verschaffen kann.

Bei Schmerzen

Das Cannabinoid wirkt nicht bei allen Arten von Schmerzen. Aber bei Schmerzen, die mit nervlichen Veränderungen zu tun haben oder von Entzündungen ausgelöst werden, ist es ein wirksames Mittel. Denn es schwächt nicht nur die Schmerzen ab, sondern wirkt auch entzündungshemmend. Bei Multipler Sklerose beispielsweise wird der Wirkstoff bereits eingesetzt.

Epilepsie

Niemand käme auf die Idee, Epilepsie im Alleingang zu therapieren. Das versteht sich von selbst. In einigen Ländern sind CBDhaltige Arzneien in der Therapie bei Epilepsie, vor allem bei Kindern und den schwersten Formen der Erkrankung, schon länger zugelassen und werden mit großem Erfolg verwendet. Viele Patienten und Patientinnen erlitten gar keine Anfälle mehr, andere (38 %) hatten eine deutliche Verbesserung ihrer Beschwerden bemerkt.

Hilfe bei Alzheimer?

Bei Alzheimer-Erkrankungen verkümmert das Gehirn langsam, aber sicher. Die Gründe dafür sind vielschichtig und reichen von Entzündungsreaktionen im Nervengewege über das Absterben von Nervenzellen bis hin zu Ablagerungen (sogenannten Plaques) im Gehirn bis hin zu oxidativem Stress. Zumindest die in Studien oft festgestellten Entzündungsreaktionen im Gehirn können im Rahmen einer CBD-Behandlung gehemmt werden. Auch oxidativer Stress wird von dem Cannabinoid vermindert, das die Nervenzellen so vor dem Absterben und der Degeneration schützt.

Erleichterung bei Parkinson

Parkinson ist eine neurodegenerative Erkrankung, die schleichend beginnt und langsam fortschreitet. Sie beginnt mit einem leichten Zittern, dann ist die Beweglichkeit eingeschränkt, später kommt es zu einer kompletten Muskelstarre. Dazwischen werden alle Stufen abgedeckt. Eine Ursache dafür ist, dass die Dopamin-prodzierenden Nervenzellen im Gehirn absterben. Studien haben ergeben, dass CBDhaltige Arzneien dieses Absterben abschwächen können. Und die psychotischen Symptome, die Parkinson-Patienten und -patientinnen bisweilen zeigen, wurden reduziert.

ALS

Stephen Hawkins war wohl der berühmteste Mensch, der an dieser Krankheit litt. ALS ist eine Erkrankung im motorischen Nervensystem, die mit einer Degeneration der Nerven einhergeht. Sie führt zu Lähmungen und Muskelschwäche. CBD-Arzneien kann die Degeneration von Nervenzellen durch ALS verzögern, in manchen Fällen sogar stoppen. Denn der Wirkstoff bringt den Glutamathaushalt ins Gleichgewicht, dämpft Entzündungsreaktionen und vermindert oxidativen Stress.

Schizophrenie

CBD-Präparate waren in einer Doppelblindstudie im Jahr 2012 bei Patienten und Patientinnen mit akuter Schizophrenie erfolgreich, und zwar genauso erfolgreich wie andere Medikamente. Ein weiterer positiver Punkt: Es gab weitaus weniger Nebenwirkungen als beim konservativen Medikamentencocktail. Vermutlich erhöht der Wirkstoff den Anandaminspiegel, nachgewiesen ist das aber bislang nicht.

Vielversprechende Studien bei weiteren Erkrankungen

Neben den genannten Erkrankungen werden weitere Einsatzgebiete studiert. CBDhaltige Arzneien können vermutlich in der Zukunft in der Krebstherapie, bei Abhängigkeiten und Entzug sowie anderen Erkrankungen präventiv oder heilend verwendet werden. Zumindest bei einigen Tumorarten wurden die entsprechenden Präparate schon erfolgreich eingesetzt und konnten das Tumorwachstum bremsen oder sogar einen programmierten Zelltod auslösen. Leukämiefällen beispielsweise hatten eine reduzierte Lebensfähigkeit, auch bei Prostatakrebszellen war das der Fall. Bei Lungenkrebs konnten CBDhaltige Arzneien die Bildung von Metastasen hemmen. Allerdings legt die aktuellen Studienergebnisse auch nahe, dass sich CBDhaltige Medikamente nur als sinnvolle Ergänzung anbieten, herkömmliche Therapien aber nicht ersetzen können. Im Bereich der Bekämpfung von Abhängigkeiten ist das Cannabinoid bisher als Therapie bei THC-, Nikotin- und Opiatabhängigkeiten diskutiert worden. Denn der Wirkstoff scheint die Entzugssymptome zu lindern. Rauchern fiel es unter dem Einfluss von CBDhaltigen Ölen leichter, auf das Rauchen zu verzichten als den Personen einer mit Placebo behandelten Vergleichsgruppe. Die Anzahl der Zigaretten, die geraucht wurden, waren in der CBD-Gruppe um etwa 40 % niedriger als in der Kontrollgrupe, die den Tabakkonsum nicht reduzieren konnte.

Da die Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten immer noch nicht abschließend untersucht ist, sollten CBDhaltige Arzneien aber trotzdem nur unter ärztlicher Aufsicht und engmaschiger Betreuung ergänzend zu herkömmlichen Therapien angewandt werden. In der Leber wird das Cannabinoid abgebaut und hemmt dort die Aktivität zweier Enzyme, die für den Abbau verschiedener anderer Medikamente benötigt werden. Werden Medikamente aber nicht mehr komplett im Körper abgebaut, kann es zu Stoffwechselstörungen und Vergiftungserscheinungen kommen. Die Schadstoffe können sich in der Leber anreichern. Bevor hier nicht weitere Studien stattfinden, sollten Cannabinoide nur nach Rücksprache mit dem behandelnden Arzt eingesetzt werden, wenn sie konservative Therapien mit der entsprechenden Medikation begleiten. Gesunde Erwachsene, die keine anderen Medikamente anwenden und nicht schwanger sind, können dagegen stressbedingte Kopfschmerzen, Verspannungsschmerzen und Krämpfe sowie ähnliche, nicht allzu ernste Erkrankungen, jetzt schon erfolgreich mit pflanzlichen Mitteln behandeln. CBDhaltige Öle ergänzen die Produktvielfalt. Somit ist nur zu wünschen, dass die Finanzierung weiterer Forschungen sichergestellt wird. Denn mit zunehmend sicherer Datenlage werden mehr und mehr CBDhaltige Präparate zugelassen, so dass die medizinisch wirksamen Pflanzenstoffe des Hanf optimal genutzt werden können.